Vier Wochen quer durch Westafrika – von Dakar nach Abidjan
Staubige Pisten, Dschungelgrenzen, Fähren über riesige Flüsse und Silvester in Freetown: unser Rucksack-Abenteuer durch sieben Länder in nur vier Wochen.
Vier Wochen, sieben Länder, unzählige Grenzen – Westafrika ist kein “All-inclusive-Urlaub”, sondern ein Abenteuer, das dich fordert und gleichzeitig unendlich reich belohnt. Von Dakar bis Abidjan haben wir unterwegs mehr Staub geschluckt, Grenzen überquert und Geschichten gesammelt, als man in einem einzigen Leben bräuchte.
Wenn du gerade selbst eine Reise nach Westafrika planst, können dir diese Artikel zusätzlich helfen:
- Westafrika Route planen – Tipps, Sicherheit & Transport
- Reisesicherheit in Afrika – worauf du achten solltest
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Ankommen in Dakar – „Das ist wieder mein Afrika“
Der erste Tag beginnt mit unserem Flug frühmorgens von Luxemburg nach Dakar. Nach der Landung fühlt es sich fast surreal an, wieder in Afrika zu sein – der Flug war kurz und direkt, fast zu unspektakulär für das, was uns erwartet. Spätestens nach der langen Fahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum ist das Gefühl wieder da: Eselkarren, heruntergekommene Gebäude, alte Autos und LKWs, die alles transportieren, was man sich vorstellen kann.
In der Luft liegt dieser typische Mix aus trockener Savanne und verbranntem Müll – nichts Schönes im klassischen Sinn, aber für mich der Moment, in dem mein afrikanisches Herz wieder schneller schlägt. Das hier ist echt, roh und ungeschminkt.
Unsere Unterkunft zu finden, ist die erste Herausforderung. Das „Motel“ liegt mitten in einem Wohnkomplex und wird von Privatpersonen betrieben. Die Gastgeberin spricht kein Französisch, also läuft die gesamte Kommunikation über unseren Taxifahrer. Ein etwas holpriger Empfang, aber als wir die Zimmer beziehen, ist klar: Das Abenteuer hat offiziell begonnen.
Wir sind in Ngor, einem Teil Dakars mit schönen Stränden und den typischen, bunt bemalten Fischerbooten. Als wir uns durch den dichten Verkehr bis zum Strand durchkämpfen, sinkt langsam die Sonne, aber am Wasser ist noch alles voller Leben: Kinder spielen, Händler verkaufen ihre Ware, Fischer ziehen ihre Boote an Land und sichern den Fang des Tages.
Diese Mischung aus Chaos und Lebensfreude ist für mich „mein Afrika“. Egal ob West-, Süd- oder Ostafrika: Der Flair ist anders, aber die Energie ist vertraut. Auf dem Rückweg verlaufen wir uns in einem Labyrinth aus Häusern, kommen an Locals vorbei, die Feste feiern, Kindern, die durch die Gassen rennen und Männern in langen Gewändern, die in ein unscheinbares Gebäude verschwinden, das sich als Moschee entpuppt. Am Ende landen wir wieder auf der Hauptstraße, stärken uns noch kurz – und staunen, wie viele Boulangerien mit französischen Pâtisseries es hier gibt. Ein deutlicher Rest des französischen Kolonialismus.
Dakar City & der Abschied Richtung Süden
Am nächsten Morgen starten wir mit einem kurzen Joggingausflug zum westlichsten Punkt Afrikas und fahren anschließend mit Mototaxis ins Stadtzentrum. Wir passieren Monumente wie das Monument de la Renaissance und die Mosquée de la Divinité, bevor wir zur Île de Gorée wollen – die berühmte Sklaveninsel vor Dakar. Dumm nur: Montags ist geschlossen.
Nach ein paar Tagen in einer versmogten, lauten und überfüllten Stadt wächst der Wunsch, weiterzuziehen. Unser nächstes Ziel: Gambia.
Gambia – schmaler Staat, große Gastfreundschaft
Frühmorgens um fünf warten wir auf unser Taxi, das wir am Vorabend organisiert haben. Es taucht nicht auf. Willkommen in Westafrika. Zum Glück hilft uns der Portier des Hotels und verhandelt ein anderes Taxi – zu einem besseren Preis, als wir es selbst hinbekommen hätten.
Am Busbahnhof steigen wir in den „falschen“ Bus ein. Er ist zwar günstiger und fährt früher, dafür hält er gefühlt in jeder Ortschaft, nimmt ständig neue Leute und Pakete mit. Busse sind hier nicht nur Personentransport, sondern halbe Lieferdienste. Komfort? Eher rudimentär.
30 Kilometer vor der Grenze werden wir kurzerhand rausgeworfen: Dieser Bus fährt nicht bis zur Grenze. Stattdessen werden wir zu siebt in einen Kleinwagen verfrachtet, der uns bis zur Grenze bringt. Die Ausreise aus Senegal ist überraschend unkompliziert.
Kurz zur Geschichte Gambias
Gambia ist ein Paradebeispiel dafür, wie absurd Grenzen nach kolonialen Interessen gezogen wurden. Die Briten sicherten sich den Zugang zum Gambia-Fluss als strategische Handelsroute – der Rest des Gebiets wurde französischer Einflussbereich (Senegal). Daher verläuft Gambia heute wie ein schmaler Streifen entlang des Flusses mitten im Senegal.
An der Grenze werden wir in ein kleines Büro geführt, das mehr wie eine improvisierte Polizeistation aussieht. In einem Nebenraum sitzt ein Betrunkener hinter Gittern und schaut uns irritiert an, als wären wir unerwartet in sein Wohnzimmer geplatzt. Willkommen im Alltag an einer westafrikanischen Grenze.
Mit frischem Stempel im Pass besorgen wir uns eine SIM-Karte, um ein Hotel zu suchen, und landen schließlich am Great Gambia River. Am Ticketschalter fehlen uns ein paar Dalasi. Ein Gambier hinter uns zahlt den Rest kurzerhand für uns. Diese Art von spontaner Hilfsbereitschaft zieht sich wie ein roter Faden durch das Land.
Kurze Zeit später stehen wir im „Wartebereich“ – oder dem, was wir dafür halten. Viele Menschen, Gepäck, Tiere, Waren – alles wartet irgendwie auf irgendetwas. Der Fluss ist hier so breit, dass man das andere Ufer kaum sieht. Es fühlt sich eher nach Meeresüberfahrt an als nach Fluss.
Fähre, Domoda & ein glücklicher Zufall
Auf der Fähre setzen wir uns neben eine Reisegruppe und kommen schnell ins Gespräch. Ihr Guide, Abdullah, ein Local, ist beeindruckt von unserem Plan, Westafrika in vier Wochen zu durchqueren, warnt uns aber vor den Risiken. Als er hört, dass wir in Gambia noch nichts organisiert haben, bietet er an, uns zwei Tage lang durchs Land zu führen. Ein Angebot, das wir annehmen – und später sehr dankbar dafür sind.
Am Abend beziehen wir ein Hotel am Strand von Serekunda, hinter Banjul. Ein Taxifahrer bringt uns noch in ein Restaurant, in dem es Domoda gibt – das gambische Nationalgericht, das ich durch meinen ehemaligen Mitbewohner in Heidelberg schon kenne. Erdnuss-Eintopf, Reis, viel Geschmack: pure Comfort-Food.
Gambia River, Hippos & Schimpansen
Am nächsten Morgen holt uns Abdullah früh ab – die Fähre über den Gambia River ist heiß begehrt und wer die erste verpasst, wartet schnell zwei Stunden. Wir schaffen es gerade so und fahren entlang der Nordbank zu unserer nächsten Unterkunft.
Unterwegs lernen wir viel über den Alltag: eine Feuerwehr, die mit einem Fahrzeug ein riesiges Gebiet abdecken muss, Erdnussbauern, deren Ernte für viel zu wenig Geld aufgekauft wird, Märkte ohne jegliche Hygienestandards.
Die Stone Circles of Wassu – uralte Steinkreise, von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt – sind unser erstes Highlight. Zwischen den aufrecht stehenden Steinen zu stehen und sich vorzustellen, welche Rituale hier einmal stattgefunden haben, ist beeindruckend.
Das eigentliche Highlight aber ist unsere Bootstour mit „Captain Hippo“. Wir fahren durch eine grüne, fast amazonasartige Landschaft, bis wir Flusspferde am Ufer entdecken. Anders als in Südafrika wirken sie hier erstaunlich gelassen – näher als nötig kommen wir ihnen trotzdem nicht.
Plötzlich hören wir das charakteristische Schreien von Schimpansen. Kurz darauf schwingen sie sich aus den Bäumen, beobachten uns aus der Nähe. Für mich ein Gänsehautmoment: Schimpansen in freier Wildbahn zu sehen war ein großer Traum – jetzt sitze ich im Boot und kann es kaum fassen.
Am Abend schlafen wir in einer einfachen Unterkunft direkt am Fluss, ohne Strom, ohne Empfang. Kerzenschein, Tiergeräusche, Sterne – und die Erkenntnis, wie schön es sein kann, alles Digitale mal komplett auszublenden.
Janjanbureh, Kolonialgeschichte & Korruption
Am nächsten Tag besuchen wir Janjanbureh (Georgetown) – eine Stadt mit kolonialer Vergangenheit und Geschichte als Sklavenhandelsplatz. Heute ist sie ein ruhiger Ort am Fluss, an dem die Vergangenheit noch in vielen Details sichtbar ist.
Auf dem Rückweg entlang der Südbank erleben wir Gambia von seiner weniger schönen Seite: Polizeiposten, die immer wieder Geld wollen, weil angeblich etwas nicht stimmt – getönte Scheiben, fehlende Papiere, irgendetwas findet sich immer. Für unseren Fahrer ist das Alltag, für uns nervig und ein guter Einblick in strukturelle Probleme des Landes.
In den Dörfern, die wir besuchen, sehen wir die Armut aus nächster Nähe. Menschen mit einem Einkommen von vielleicht 60–70 US-Dollar im Monat, oft weniger. Und trotzdem wird gelacht, geteilt und großzügig mit dem umgegangen, was da ist. Es sind Eindrücke, die hängenbleiben.
Senegal Süd & Guinea-Bissau – La Varela & Weihnachten am Fluss
Nach zwei intensiven Tagen reisen wir wieder nach Senegal ein, diesmal in den Süden nach Ziguinchor. Das Klima ist angenehmer, die Stimmung relaxter und die Menschen wirken deutlich entspannter als im Norden. Ziguinchor ist unser Basislager, um das nächste Land anzugehen: Guinea-Bissau.
Wir organisieren unser Visum, verhandeln mit einem Taxifahrer und lassen uns über die Grenze bringen. Von São Domingos aus geht es weiter nach La Varela – ein kleines Dorf direkt am Meer. Kein Massentourismus, keine Resorts, nur wir, ein paar Einheimische und der Atlantik. Nach einem anstrengenden Tag in öffentlichen Verkehrsmitteln fühlt sich dieser Ort wie eine Oase an.
Später fahren wir weiter nach Bissau, der Hauptstadt. Vorher brauchen wir allerdings Bargeld. Viele Geldautomaten haben Netzwerkprobleme, keiner will Euro oder Dollar wechseln. Wir kratzen unsere Reserven zusammen und hoffen, in der Hauptstadt mehr Glück zu haben. Nach mehreren Versuchen bei verschiedenen Banken spuckt endlich ein Automat Geld aus. Selten war der Anblick von Banknoten so beruhigend.
Zur Belohnung gönnen wir uns ein portugiesisch inspiriertes Essen – wie schon in Mosambik fällt mir auf, dass ehemalige portugiesische Kolonien kulinarisch einiges zu bieten haben. Zwischen all dem Staub, dem Improvisieren und den Grenzabenteuern fühlt sich dieser Abend ein bisschen wie Urlaub an.
Garages, volle Busse & Buba
Am nächsten Tag wollen wir weiter nach Buba im Süden. Das erste Hindernis: den richtigen Busbahnhof finden. In Bissau gibt es keine große „Zentrale“, sondern viele kleine „Garages“, an denen Sammeltaxis und Minibusse starten. Jeder ruft, jeder will Fahrgäste, kein klarer Plan.
Nach einigen Runden durch die Stadt, viel Fragen und noch mehr Schulterzucken finden wir schließlich den richtigen Bus. Unser ehrgeiziger Plan: Buba und idealerweise noch am selben Tag weiter nach Boké in Guinea.
Die Fahrt ist laut, chaotisch und gleichzeitig wunderschön: grüne Landschaften, kleine Dörfer, Kinder, die winken. Irgendwann hält der Bus in einem Dorf – mitten im Nirgendwo – und wir sollen aussteigen, wenn wir nach Boké wollen. Motorradtaxis bieten an, uns durch den Busch zur Grenze zu bringen. Es ist schon dunkel, und der Gedanke, jetzt noch durch die Nacht zu brettern, überzeugt uns nicht wirklich. Plan B: erst mal nach Buba.
Buba stellt sich als kleiner, ruhiger Ort direkt am Fluss heraus. Am nächsten Morgen laufe ich meine gewohnten 10 Kilometer und werde mit einem goldenen Sonnenaufgang über dem Wasser belohnt. Fischerboote, badende Kinder, absolute Ruhe – und Weihnachten. Schöner kann ein Weihnachtstag kaum beginnen.
Guinea – Dschungelgrenzen, Kontrollposten & Nervenmomente
Beim Joggen treffe ich unseren Taxifahrer vom Vortag wieder. Auf gebrochenem Portugiesisch verständigen wir uns, und schnell ist klar: Er fährt uns zur Grenze nach Guinea.
Dort endet die Straße. Weiter geht es nur per Motorrad – durch den Dschungel. Wir heuern zwei Fahrer an, die uns Richtung Boké bringen. Der Grenzübergang ist spektakulär in seiner Einfachheit: Unter einem Baum sitzt ein Beamter an einer wackeligen Bank und schreibt unsere Daten in ein zerfleddertes Heft. Daneben ein Grenzsoldat, der das Ganze „bewacht“. Es wirkt eher wie ein Dorfplatz als wie ein internationaler Grenzübergang.
Gleich zu Beginn fordert uns ein Beamter zur Kasse: Im Visum meines Vaters steht versehentlich das falsche Geburtsjahr. Nach längerer Diskussion zahlen wir eine „Strafe“ und dürfen weiter.
Unsere Motorradfahrer aus Buba bringen uns bis zum ersten Kontrollposten. Auf dem Weg nach Boké passieren wir knapp zehn weitere. Jedes Mal Pässe zeigen, Fragen beantworten, warten. Mein Vater ist bei jedem Stopp sichtlich angespannt – die Angst vor weiteren „Strafen“ fährt mit.
Am Fluss wechseln wir auf andere Motorräder. Die Überfahrt über den Fluss erfolgt auf einem Boot, das eher an ein großes Kanu erinnert. Motorräder, Gepäck, Menschen – alles darauf gestapelt, ein bisschen Wasser im Innenraum inklusive. Die Kulisse: Dschungel, Stille, Fluss. Für mich einer der intensivsten Momente der Reise.
Auf der anderen Seite wirkt es, als wären wir in einer anderen Welt: Menschen waschen sich und ihr Geschirr im Fluss, viele laufen nackt herum. Nur die Strommasten erinnern daran, dass wir noch im Jahr 20xx sind.
Kurz nach Sonnenuntergang geht meinem Fahrer der Sprit aus. Mein Vater und sein Fahrer sind längst weit voraus. Wir stehen im Dunkeln mitten im Nirgendwo. Der Vorschlag, „nur“ etwa zehn Kilometer zum nächsten Dorf zu laufen, klingt wenig verlockend. Zum Glück hält nach einiger Zeit ein weiteres Motorrad, schon voll mit Passagier und Gepäck. Der Fahrer nimmt mich trotzdem mit.
Zu dritt und mit vier Gepäckstücken auf einem Motorrad, mit einer Taschenlampe als Frontlicht und Sonnenbrille als Staubschutz durch die Nacht zu fahren – das ist der Moment, in dem ich mir denke: „Okay, das ist jetzt wirklich hart an der Grenze.“ Gleichzeitig ist da aber dieses krasse Gefühl von Abenteuer.
In Boké angekommen, beginnt der nächste Nerventeil: Mein Vater ist nirgends zu finden. Ich gehe alle infrage kommenden Hotels ab – niemand hat ihn gesehen. Social Media? Nicht erreichbar. Aufgrund der politischen Lage (Militärputsch) ist vieles blockiert. Nach einer gefühlten Ewigkeit checke ich in ein Hotel ein. Kurz darauf winken mich die Sicherheitsleute aufgeregt: „Votre père est ici!“ – mein Vater sitzt in der Lobby. Die Erleichterung in diesem Moment lässt sich schwer in Worte fassen.
Die Dusche danach ist legendär: Noch nie habe ich so viel Staub und Dreck von meiner Haut geschrubbt.
Conakry & der Kampf um Bargeld
Weiter geht es nach Conakry, der Hauptstadt Guineas. Ich hoffe auf ein bisschen städtischen Komfort, werde aber schnell enttäuscht: Conakry ist laut, chaotisch und dreckig. Märkte, auf denen zwischen den Lebensmitteln Ratten hin- und herlaufen, schwer bewaffnete Polizei, dichter Verkehr.
Als mein Vater ein Foto machen will, wird ein Mann aggressiv und will ihn mit einem Müllsack bewerfen. Die Leute in unserem Taxi raten uns, sehr gut auf unsere Wertsachen aufzupassen. Das Gefühl, fehl am Platz zu sein, ist selten so deutlich wie hier.
Wir retten uns in unsere Unterkunft, essen etwas und widmen uns wieder einem Reise-Klassiker: Geld besorgen. ATM-Probleme, Limits, Fehlermeldungen – alles dabei. Am Ende bleibt wieder nur Western Union mit schlechtem Wechselkurs. Aber lieber schlechter Kurs als gar kein Bargeld – gerade in einem Land, in dem fast nichts digital läuft.
Nach Labé – Gemeinschaftsschüssel & neue Bekanntschaften
Vom Chaos der Hauptstadt geht es im Sammeltaxi weiter nach Labé. Unterwegs halten wir gemeinsam zum Beten, später zum Essen. Es gibt ein Nationalgericht aus einer großen Schüssel, aus der alle mit der Hand essen. Für uns ungewohnt, aber auch ein schönes Gefühl von Gemeinschaft. Der Magen meldet sich später – aber die Erfahrung war es wert.
In Labé treffen wir nach langer Zeit mal wieder andere weiße Reisende und gönnen uns eine richtig gute Pizza. Eine Begegnung bleibt besonders hängen: Jude Kriwald, ein Brite, der fast die gleiche Route wie wir fährt – nur mit dem Fahrrad. Von Senegal bis Monrovia. Spätestens da wird klar: Egal wie „crazy“ man seine eigene Reise findet, es gibt immer jemanden, der noch eine Schippe drauflegt.
Mit dem Fahrrad durch Westafrika – Doku-Tipp
In Westafrika habe ich jemanden kennengelernt, der mit dem Rad fast die gleiche Strecke gefahren ist, die mein Vater und ich auf dieser Reise zurückgelegt haben. In der Zeit hat er eine kleine Doku gedreht – authentisch, ehrlich und absolut sehenswert. Anschauen lohnt sich:
Sierra Leone – Silvester in Freetown & Diamanten in Kenema
Beim nächsten Morgenlauf treffe ich jemanden, den ich frage, ob er uns nach Sierra Leone fahren kann. So lernen wir Amhadou Bah kennen, unser Fahrer für die nächsten Tage. Wir halten in Pita bei den Kambadaga Falls – einem wunderschönen Wasserfall-Ensemble – und übernachten später in einer Grenzstadt, in der Männer nicht im gleichen Zimmer schlafen dürfen. Eine kleine kulturelle Randnotiz, die man so schnell nicht vergisst.
Das Auswärtige Amt hatte kurz zuvor von Reisen nach Sierra Leone abgeraten: Coup d’État, bewaffnete Gefangene auf der Flucht. Im Kopf bleibt das natürlich hängen – trotzdem geht es weiter. Abenteuerlust vs. Sicherheitsbedenken, wie so oft auf dieser Reise.
Freetown ist die Belohnung: eine Stadt mit rauem Charme, voller Leben und Geschichte. In meinem Kopf läuft ständig der Film Blood Diamond. Irgendwie fühlt sich vieles erstaunlich nah an dem an, was man im Kino gesehen hat.
Wir kommen an Silvester an. Mein Vater bleibt in der Unterkunft, ich ziehe los und lande auf einer Dachbar direkt am Strand. Ich treffe eine bunte Gruppe von etwa zehn Reisenden und feiere mit ihnen ins neue Jahr. Schwarzer Himmel, Musik, Tanz, das Meer direkt nebenan – ich fühle mich, als wäre ich mitten in einer Filmszene.
Am nächsten Tag geht es zu Beach No. 2, einem der bekanntesten Strände des Landes. Normalerweise eher ruhig, ist er an Neujahr komplett überfüllt. Wie ich es schon aus Mosambik kenne: An diesem Tag geht wirklich jeder an den Strand. Es wird gegrillt, gelacht, getanzt – eine riesige Strandparty.
Außerdem besuchen wir das Peace Museum und erfahren mehr über den Bürgerkrieg der 90er. Die Geschichten sind hart, aber wichtig. Blood Diamond fühlt sich plötzlich weniger nach Hollywood und mehr nach historischem Erinnerungsstück an.
Zusammen mit einigen der Reisenden machen wir noch einen Abstecher nach Kenema, wo wir in Dörfer fahren, in denen Diamanten geschürft werden. Männer stehen stundenlang im Wasser, schaufeln Schlamm, sieben Steinchen durch – in der Hoffnung auf den einen Fund, der alles verändert. Es wirkt wirklich, als würde man in eine Filmszene eintauchen, nur ohne Regisseur und ohne „Cut“-Option.
Liberia – Monrovia, Respekt & Macheten-Storys
Nach Kenema reisen mein Vater und ich alleine weiter nach Liberia. Die Fahrt nach Monrovia im überfüllten VW Golf 3, zu siebt im Auto, ist anstrengend – Schlaglöcher, Staub und Hitze gehören inzwischen zum Reisealltag.
Unterwegs passieren wir zahlreiche Polizeiposten. An einem sehen wir, wie ein Mann mit der Polizei diskutiert, die Situation eskaliert und er schließlich von drei Beamten zu Boden gerungen und ins Gefängnis gebracht wird. Weshalb genau, bleibt unklar. Klar ist nur: Respekt vor der Polizei ist hier keine Floskel.
In Monrovia suchen wir uns über die iOverlander-App eine ruhige, sichere Unterkunft direkt am Meer. Wir lernen andere Deutsche kennen, die mit dem Fahrrad unterwegs sind. Später erfahren wir, dass sie nachts beim Zelten mit einer Machete ausgeraubt wurden. Eine Geschichte, die einem noch einmal deutlich macht, wie dünn die Linie zwischen Abenteuer und Gefahr manchmal ist.
Elfenbeinküste – Abidjan als Eldorado nach den Strapazen
Unser letztes großes Ziel ist die Elfenbeinküste – genauer gesagt Abidjan. Nach all den Strapazen der letzten Wochen fühlt sich die Ankunft im Land fast wie ein Kulturschock in die andere Richtung an.
Plötzlich sind die Straßen besser, die Städte sauberer, die Infrastruktur funktioniert. Es gibt moderne Malls, schicke Cafés und neue Stadien – vieles ist frisch herausgeputzt, weil der Afrika-Cup ansteht. Die Preise sind überraschend günstig: einfache, saubere Hotels für rund 10 € pro Nacht zu zweit, sehr gute Unterkünfte für etwa 40 €. Nach all den improvisierten Übernachtungsplätzen fühlt sich das fast luxuriös an.
Wir machen einen Abstecher nach Yamoussoukro zur riesigen Basilika, die irgendwo zwischen religiösem Monument und Machtdemonstration steht. Zurück in Abidjan genießen wir das Gefühl, mal wieder „einfach“ essen zu gehen, joggen zu können, ohne überall angestarrt zu werden, und abends nicht mehr den Staub aus allen Poren kratzen zu müssen.
Abidjan ist für uns der perfekte Abschluss: ein Ort, um die letzten Wochen Revue passieren zu lassen und zu realisieren, was wir da eigentlich gemacht haben. Von Dakar über Gambia, Guinea-Bissau, Guinea, Sierra Leone und Liberia bis an die Elfenbeinküste – eine Route, die man nicht mal eben so nebenbei abspult.
Es war kein „Urlaub“ im klassischen Sinn. Es war herausfordernd, teilweise hart, oft nervenaufreibend – aber auch voller Momente, die sich tief eingebrannt haben. Für mich gehört diese Reise definitiv zu den Erfahrungen, die man nie wieder vergisst.
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